Merkels „Freiheit“ auf 736 Seiten

Die Ex-Bundeskanzlerin reflektiert die Bedingungen politischen Handelns

Angela Merkel kam zur Weltpremiere ihres Buches „Freiheit“ ins Deutsche Theater in Berlin. So eindringlich TV-Moderatorin Anne Will sie auch fragt – die 70-Jährige Merkel bereute nichts. Aber sie räumte Defizite ein. – Die Schauspieler Corinna Harfouch und Ulrich Matthes waren gekommen, auch der frühere Unionsfraktionschef Volker Kauder, der ehemalige Regierungssprecher Ulrich Wilhelm – und, anders als bei drei ihrer vier Vereidigungen zur Bundeskanzlerin, auch ihr Ehemann Joachim Sauer. Das Deutsche Theater in Berlin war am 26. November 2024 (Dienstag) ausverkauft. Es war Weltpremiere des Buches „Freiheit“, das Angela Merkel und ihre Vertraute und jahrzehntelange Beraterin Beate Baumann geschrieben hatten. Die Altkanzlerin war gekommen, um der TV-Moderatorin Anne Will Fragen zu beantworten. Es war einer der Wohlfühltermine, wie Merkel sie nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt nur noch machen wollte. Gegen Ende der Vorstellung wurde es jedoch ernst und still. Merkel sagte aber nicht, was Anne Will hören wollte. Dass sie Fehler in ihrer Russlandpolitik eingesteht, im Umgang mit Wladimir Putin und mit der Ukraine. Im Publikum flüsterte jemand: „Puh, das ist jetzt aber nervig.“

Anne Will zollte Merkel Anerkennung für Akribie in dem Buch

Angela Merkel, in schwarzer Hose und weißem Blazer, saß kerzengerade in ihrem Sessel und hatte diese Haltung in den fast 120 Minuten nicht verändert. Anne Will legte gleich los mit Fragen – da sagte Merkel erst einmal ins Publikum „guten Abend“ und erntete die ersten Lacher. Baumann war auch da, hinter der Bühne. Sie hörte zu, beobachtete, aber man sah sie nicht. So war sie immer: Merkels Vertraute im Hintergrund. Anne Will zollte Merkel Anerkennung für Akribie in dem Buch und nannte sie „irrsinnig fleißig“. Dann fragte die Moderatorin die Altkanzlerin, für wen sie es eigentlich geschrieben habe. Vielleicht auch für sich, um die Deutungshoheit über ihr Leben zurückzubekommen? Merkel antwortete, Baumann und sie wollten, dass es „für Historiker ok ist und für normale Bürgerinnen und Bürger ein Anlass ist, mal reinzugucken“. Das Publikum amüsierte sich. Das Buch war im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. Verlegerin Kerstin Gleba leitete den Abend mit der Bemerkung ein, der politische Wettbewerb werde heute eher über die Medien als im Parlament ausgetragen. Ziel seien schnelle Schlagzeilen. Ein Buch sei da ein notwendiges Gegengewicht. Statt um einen Etappensieg gehe es um ein tieferes Verständnis.

Merkel erzählte aus ihrem Leben in der DDR, vom Verhältnis zur Mutter

Für die Menschen der DDR sei die Bedrohung für sich und die eigene Familie nie wieder so existenziell gewesen wie durch die Stasi. Bewahrt habe Anne Merkel sich aber sowohl in den 35 Jahren in der DDR als auch in den 35 Jahren danach „eine gewisse Unbekümmertheit“, sagte Merkel. Sie nannte es ein Glück, das andere nicht gehabt hätten, dass sie den Mauerfall im Alter von 35 Jahren erlebt habe. Ihr Leben habe noch vor ihr gelegen. Ob bewusst oder unbewusst formte sie während des Gesprächs ihre Hände immer wieder zu der legendären Raute. Was ihr in ihrer langen politischen Karriere geholfen habe, seien „Schutzräume“ gewesen. Jeder Mensch brauche das. Einen Schutzraum durch einen kleinen Kreis von Vertrauten, in dem man alles sagen kann und das nie nach außen dringt. „Das hat mich in die Lage versetzt, das so lange machen zu können“, sagt Merkel. Gut drei Jahrzehnte Politik, 16 Jahre Bundeskanzlerin.

„Wie knallhart waren Sie?“

Als die Moderatorin Anne Will auf Merkels Flüchtlingspolitik zu sprechen km, presste Merkel ihre Lippen aufeinander. Sie verteidigte abermals ihre Entscheidung, die Grenzen damals nicht für über Ungarn kommende syrische Flüchtlinge geschlossen zu haben. Sie erzählte, wie Äußerungen von ihr falsch wiedergegeben wurden, und was ihr viel kritisierter Satz „Wir schaffen das“ für sie war: „So habe ich Politik gemacht, so lebe ich.“
Anne Will merkte an, dass Merkel und Baumann kaum etwas darüber geschrieben hätten, welch ein Machtmensch Merkel war und wie sie die vielen männlichen Konkurrenten in der CDU aus ihrem Weg geräumt hatte. „Wie knallhart waren Sie?“, fragte Anne Will schließlich. Merkel antwortete mit Süffisanz: Ihre Distanzierung von Kohl 1999 in der CDU-Spendenaffäre sei ein Wagnis gewesen. Das hätte sie auch „wegfegen“ können, sagte sie. Es sei aber eine „wunderbare Erfahrung“ gewesen, dass die Parteibasis sie getragen hatten. „Sonst wäre ich nicht Vorsitzende geworden.“ Aber dann hätte sie andere, die ihren Mut nicht gehabt hätten, „nicht rechts oder links“ an sich vorbeilassen wollen. Die hätten gedacht, mit Merkel, der „Trümmerfrau“, sei es ja ganz schön gewesen, jetzt sei die Partei wieder einigermaßen in Schuss und es könnten normale Zeiten einziehen. „So einfach wollte ich mich nicht beiseite schubsen lassen.“ Und dann nahm Anne Merkel das Wort „Macht“ doch in den Mund. „Parteien sind Machtmaschinen“. Das sei wie im Sport, nur die Besten würden ausgewählt. Nur mit ihnen könnten Parteien überleben. Aber ihr Ansatz sei es nicht, den „dicken Maxe“ zu machen.

Aufzeichnung der Veränderungen in der internationalen Zusammenarbeit

In „Freiheit“ schildert Merkel den Alltag im Kanzler ebenso wie die hochdramatischen Tage  und Nächte, in denen sie in Berlin, Brüssel und anderswo Entscheidungen von großer Tragweite traf. Sie zeichnet die langen Linien der Veränderung in der internationalen Zusammenarbeit auf und legt offen, unter welchen Druck Politikerinnen und Politiker heute stehen, wenn es darum geht, in einer globalisierten Welt Lösungen für komplexe Probleme zu suchen. Dabei nimmt sie den Leser mit hinter die Kulissen  der internationalen Politik und zeigt. Welche Bedeutung persönliche Gespräche  haben können  – und welche Grenzen es gibt. Eins ist ihr noch wichtig: Sie habe das Buch wirklich nicht geschrieben, um den Eindruck zu erwecken, sie habe das Land tipptopp hinterlassen. „Mitnichten“, sagt sie. Sie „entblöße“ sich doch damit ein wenig, dass sie etwa einräume, „für das große Menschheitsthema“ Klimawandel nicht genügend erreicht zu haben. Ein Thema übrigens, sagt Merkel, das Deutschland auch jetzt nur wenig beschäftige.

  • Angela Merkel von 2005 bis 2021 Bundeskanzlerin, war die erste Frau im Amt. 1954 in Hamburg geboren, aufgewachsen in der DDR. Wo sie Physik studierte und zum Dr. rer. Nast. Promovierte, wurde sie 1990 in den Deutschen Bundestag gewählt. Von 1991 bis 1994 war sie Bundesministerin für Frauen und Jugend, von 1994 bis 1098 Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, von 2000 bis 2018 Vorsitzender der Christlich Demokratischen Union Deutschlands (CDU). 2921 beendete sie ihr aktive politische Laufbahn. – Angela Merkel und Beate Baumann: „Freiheit – Erinnerungen 1954 bis 2021“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2024 erschienen, 736 Seiten, 42 Euro, ISBN 978-3462-00513-4.
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