Bundestagswahl 2025: TV-„Quadrell“

Politischer Vierkampf: Ein Hauptthema, zwei Moderatoren, vier Bewerber

Eine Woche vor der Bundestagswahl trafen Olaf Scholz, Friedrich Merz, Robert Habeck und Alice Weidel bei RTL im ersten deutschen „Quadrell“ aufeinander. Hilft das Format den Millionen noch unentschlossenen Wählern? Sie sprachen nur über ein einziges Thema, immer und immer wieder. 1,90 Meter maß der eine, 1,60 der andere. Es ging nicht um die Wirtschaftskrise, nicht um Bildung, Jobs, Soziales oder wachsende Armut. Das Gespräch der Kandidaten kreiste allein um ein Sujet: die Abschaffung der Sklaverei in den USA.
Gleich siebenmal trafen die beiden Senatsbewerber für den US-Bundesstaat Illinois – der Republikaner Abraham Lincoln und der Demokrat Stephen Douglas – im Jahr 1858 vor Publikum und Zeitungsjournalisten aufeinander. Es waren die ersten medial ausgeschlachteten Politrededuelle der Moderne. Douglas gewann zwar die Senatswahl, Lincoln aber wurde landesweit als aufrichtiger Redekünstler („Honest Abe“) populär. Zwei Jahre später war er US-Präsident. Es war die Geburtsstunde der Erkenntnis, dass im personalisierten Wahlkampf weniger das nackte Argument zählt als die Antwort auf die Frage, mit welchem der Kandidaten die Wähler am liebsten ein Bier trinken würden. Und spätestens, seit das Radio (1948) und das Fernsehen (1956) einstiegen, galt das Wahlduell in den USA als zentrale Sternstunde der Demokratie, quasi als politischer Super Bowl.

Schwenk nach Deutschland, knapp 170 Jahre später:

Zwei physiognomisch höchst unterschiedliche Bewerber? Ein alles beherrschendes Thema? Was in den Lincoln-Douglas-Debatten die Sklaverei war, war im ersten Fernsehduell zwischen SPD-Kanzler Olaf Scholz und CDU-Chef Friedrich Merz bei ARD und ZDF die Migration. Der Tabubruch im Bundestag, die Brüchigkeit der „Brandmauer“, die Angst vor „alimentierten Messermännern“ (AfD-Chefin Alice Weidel), die Anschläge von Magdeburg, Aschaffenburg und zuletzt München – es sind die Themen, die in diesem Wahlkampf alle anderen Zukunftsfragen überlagern. Das wird im ersten TV-„Quadrell“ am Sonntag im Studio Berlin-Adlershof kaum anders sein. Ein Hauptthema, zwei Moderatoren – und gleich vier Bewerber. An vielem mag Mangel herrschen in diesem Land – pünktliche Züge, stabiles WLAN, Zuversicht –, nicht aber an Kanzlerkandidaten: Scholz und Merz waren bei RTL zunächst als Duellanten eingeplant, dann aber witterte der Privatsender die Chance, ARD und ZDF ein Schnippchen zu schlagen und kurzfristig Robert Habeck (Grüne) und Alice Weidel (AfD) dazu zu bitten. So kommt es nach dem Triell von 2021 – Armin Laschet (CDU), Annalena Baer­bock (Grüne) und Olaf Scholz – also doch zum „Quadrell“.
Erinnerlich ist, dass Robert Habeck den Öffentlich-Rechtlichen einen Korb gegeben hatte, weil er nicht mit Scholz und Merz, sondern einen Tag später mit Alice Weidel zu einem Kanzlerduell zweiter Klasse antreten sollte. Er sagte ab. Am Ende ging es, munkelt man in Kreisen der ARD, auch darum, Weidel nicht die Gelegenheit zu bieten, sich auf Augenhöhe mit den Konkurrenten zu präsentieren. Immerhin: Im ZDF-Wahlforum „Klartext“ antworteten am Donnerstagabend alle vier auf Bürgerfragen, das Gleiche ist für die ARD-Wahlarena am Montag geplant.

Ein kleiner Coup für RTL

Für RTL ist die Viererrunde dennoch ein kleiner Coup. Es sei „das ,Quadrell‘, das Deutschland sehen will“, tönt man keck. Bereits um 19 Uhr werden die sogenannten Kleinparteien zu Wort kommen: mit Sahra Wagenknecht (BSW), Christian Lindner (FDP) sowie Gregor Gysi (Die Linke). „Quadrell“? Es ist ein Kunstunwort, das eigentlich gar nicht existiert. Vier Menschen sind ein Quartett, vier Kutschpferde sind eine Quadriga, ein viertöniges Musikintervall ist eine Quarte, und ein Kontratanz mit vier Paaren ist eine Quadrille. Das „Quadrell“ mischt Quartett und Duell. Zwei Stunden lang wollen die Moderatoren Günther Jauch und Pinar Atalay den Bewerbern auf den Zahn fühlen. Aber wie wahlentscheidend ist ein guter Auftritt wirklich? Tatsächlich haben sich gut 13,6 Millionen Wähler (23 Prozent) auch eine Woche vor der Wahl noch nicht entschieden. Der Komiker Torsten Sträter hat den Trend zur politischen Kurzentschlossenheit mal in den schönen Satz gekleidet „Ich wähl den, der bei uns vorre Tür am Baum hängt“.
In Zeiten flatterhafter Parteisympathien in einem müden und gereizten Land geht es also um viel. Die Unterschiede des Quartetts in Stil- und Politikfragen sind gewaltig, das birgt die Chance auf ein lebendiges Gespräch. Weidel wird ein düster-apokalyptisches Bild Deutschlands zeichnen, Merz sich bemühen, dem Dauervorwurf der Arroganz kein neues Futter zu liefern. Scholz wird, von Einsamkeit umweht, beharrlich auf seine Erfolge verweisen und Habeck sich gegenüber dem Trio der schlechten Laune als „Normalo“ inszenieren, der sich schon dadurch abhebt, dass er die Menschensprache beherrscht. Die Duelle und „Quadrelle“ könnten „eine echte Hilfe für Unentschlossene sein“, sagt Marcus Maurer, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Sie seien wichtig, „weil sie den Zuschauern einen direkten, ungefilterten Eindruck von den Kandidaten vermitteln“. Forsa-Chef Manfred Güllner hingegen schränkt ihre Bedeutung ein: „Bei dieser Wahl hat die Inflation von ‚Kanzlerkandidaten‘ zur Entwertung dieses Begriffs geführt und dürfte insofern auch die Bedeutung der Diskussionen relativieren.“

TV-Quoten sacken ab

Tatsächlich kommen immer mehr Wähler ohne Fernsehduell zurecht: Gut zwölf Millionen Menschen – Minusrekord für bundesweite Wahlen – verfolgten die erste Runde zwischen Scholz und Merz. Das waren drei Millionen Zuschauer weniger als 2002 bei der Premiere zwischen Gerhard Schröder (SPD) und Edmund Stoiber (CSU) – und sogar sechs Millionen weniger als 2005 (Olaf Schröder gegen Angela Merkel). Damals freilich spielte das Fernsehen noch eine größere Rolle. Youtube war noch kein Jahr alt und Twitter noch gar nicht gegründet. Genützt hat die erste Runde wohl weder Scholz noch Merz: In den Umfragen seither bewegt sich: so gut wie nichts. Die SPD steht wie einbetoniert bei 16 Prozent, die CDU kreist um 30. Nicht nur Millionen Zuschauer, sondern auch Hunderte Journalisten vor Ort werden dennoch jedes Zucken der Augenwinkel registrieren, jede schnippisch geschürzte Lippe.

In Wahrheit aber darf man die optische Komponente nicht überschätzen

Seit dem Klassiker „Richard Nixon vs. John F. Kennedy“ hält sich die Legende, dass ein gelungener Duellauftritt Wahlen entscheiden kann. Damals, am 26. September 1960, sah ein nervöser, kränklicher Republikaner mit Bartschatten, abgemagert und blass direkt aus dem Krankenhaus kommend, im CBS-Studio in Chicago gegen den sonnengebräunten, vor Vitalität dampfenden Hoffnungsträger der Demokraten übel aus – und verlor dann knapp. Die Medienwirkungsforschung kommt inzwischen zu dem Schluss, dass kleine Fauxpas viel entscheidender sein können als visuelle Elemente. Wie 1976, als Gerald Ford in der Debatte mit Jimmy Carter darauf beharrte, dass die Sowjetunion in Osteuropa nicht dominierend wirke. Oder wie 1992, als George Bush Sen. desinteressiert auf seine Armbanduhr sah. Oder wie der lachende Armin Laschet während der Flutkatastrophe 2021 im Ahrtal. Aber kann man ein Gespräch überhaupt „gewinnen“? Ein Bonmot zur rechten Zeit kann eine Waffe sein. Freilich ist das bisherige Bonmotschaffen von Olaf Scholz recht übersichtlich. Anders als bei Ronald Reagan, der 1984 als 73-Jähriger gegen den 56-jährigen Walter Mondale auf die Frage nach seinem Alter stichelte, er werde „die Jugend und Unerfahrenheit meines Gegners nicht politisch ausschlachten“. Ein Volltreffer, erinnerte sich Mondale später. Er habe in diesem Moment geahnt, dass die Sache gelaufen ist.

Schon Willy Brandt wollte die Duell-Debatte

Und in Deutschland? Schon 1969 wünschte sich der damalige SPD-Vizekanzler Willy Brandt eine Fernsehdebatte nach US-Modell. Amtsinhaber Kurt Georg Kiesinger (CDU) war empört: „Es steht dem Kanzler der Bundesrepublik nicht gut an, sich auf ein Stühlchen zu setzen und zu warten, bis ihm das Wort erteilt wird.“ Noch 2002 (Schröder gegen Stoiber) fremdelte Deutschland heftig mit dem Format. Ein Show-Battle Kanzler gegen Kandidat, inszeniert wie ein Boxkampf? „Fehlt nur noch, dass die besten Sätze anschließend in Zeitlupe wiederholt werden“, maulte damals Bernd Gäbler, Chef des Adolf-Grimme-Instituts. Die SPD forderte dann ein Sitzduell, damit Schröder (174 Zentimeter) und Stoiber (186 Zentimeter) auf Augenhöhe diskutieren konnten. Doch der SPD-Chef musste stehen. „Wenn der Kanzler ein Problem damit hat, stellen wir ihm gern ein Fußbänkchen zur Verfügung“, höhnte der damalige CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer.

Raab brachte Frische in das streng durchritualisierte, sterile Format

Rund 40 Kandidatenduelle und -trielle auf Bundes- und Landesebene hat Deutschland inzwischen erlebt – und weiß längst, dass nicht Fakten, sondern Gefühle Wahlen entscheiden. Das galt bei Merkel gegen Schröder 2005, als der siegesbesoffene Kanzler später am Wahlabend zu seinem eigenen Schaden in der „Elefantenrunde“ eskalierte. Und das galt auch 2013 bei Merkel gegen Steinbrück, als die Kanzlerin die schwarz-rot-goldene Kette trug und kaum mehr sagte als: „Sie kennen mich, ich komme zurecht.“ Heimlicher Duellsieger damals: der „Metzgerhund“ („Focus“) Stefan Raab, dessen Einsatz als (vierter!) Mitmoderator als Sakrileg der Quatschfraktion an der ehrwürdigen politischen Meinungsbildung empfunden wurde. Bis Raab die alte Garde mit erfrischendem Klartext sauber abkochte. Der „größenwahnsinnige, durchgeknallte ADHS-Teenager“ („Spiegel Online“) brachte Frische in das streng durchritualisierte, sterile Format („Das ist doch keine Haltung zu sagen: Ich will nur gestalten, wenn ich ‚King of Kotelett‘ bin!“). 17,64 Millionen Menschen sahen zu. Und „Bild“ rief Erzfeind Raab prompt zum „Sieger“ aus.

Diesmal: kein Stefan Raab. Die Zeiten sind ernst. Vor neutralfarbener Kulisse werden Jauch und Atalay ab 20.15 Uhr ihr Werk verrichten. Ab 22.15 Uhr aber ist bei RTL dann alles wieder wie immer: Celebrity-Expertin Frauke Ludowig befragt in der Sendung „Wer war am besten?“ Prominente und „Experten“. Vor drei Jahren, nach dem Triell, waren das unter anderem die Fitnessinfluencerin Louisa Dellert und die „Let’s Dance“-Jurorin Motsi Mabuse. Es möge sich also niemand wundern, wenn sich diesmal „Dschungelkönigin“ Lilly Becker anheischig macht, das „Quadrell“ zu bilanzieren.

Siehe auch: Bundestagswahl 2025
Siehe auch: Bundestagswahl-Programme 2025: Afd und Linke
Siehe auch: Bundestagswahl 2017
Siehe auch: Bundestagswahl – junge Wähler
Siehe auch: Bundestagswahl 2025 – Briefwahl


Quelle: Imre Grimm in RB (DZ) vom 15. Februar 2025

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